‚Wisst ihr..‘ so beginnen wahre Geschichten. Mit ‚Es war einmal..‘ beginnen nur Märchen, aber wir schreiben Geschichte, also…
Wisst ihr.. ich mag „Steh-Veranstaltungen“ nicht.
Lasst es mich von meinen Blickwinkel aus beschreiben, aber bitte ohne dass sich jemand angegriffen fühlt und am Ende heult – bei Nebenwirkungen steigen Sie in Ihren Amiwagen und fahren ganz lange schnell, bis die Tränen wieder getrocknet sind..
Es sind diese Prestige-lastigen Veranstaltungen, auf denen das Chrom alle 60min frisch poliert wird und die Autowagen alle penibel mit Mindestabstand nebeneinander aufgereiht stehen. Dann und wann sitzt eine Tante Ilse in ihrem Klappstuhl neben dem Hobel von Onkel Bertram Wache und blickt den vorbei wackelnden Ladies in ihren 50er, 60er-Jahre Petticoat-Kleidern argwöhnisch hinterher. Und dann sind ja noch diese herrlichen Wettbewerbe… man findest zumeist die gleichen Wagen in der Reihe vor der Bühne, die sich im letzten Jahr schon und in den Jahren davor ebenso, immer wieder neu in altem Antlitz präsentierten – der Pokal goes erneut an Erbsen-Egon mit seinem alten Klapper-Kartoffel-GMC Truck, der doch vor sechs Jahren die Ladefläche so unglaublich schick neu gestaltet hat, mit seinen, mit einem alten Bunsenbrenner bearbeitet, geflammten Bretterleisten. Okay.. Vielleicht war es aber auch ein vertuschter Garagenbrand…
Am Abend danken ein bis zwei Rockabilly Bands dem Tag und vorbei ist es. Das Geblubber bei der Ankunft und Abreise streichelt das V8-Herz behutsam, ansonsten darf man sich bei dem ein oder anderen Dezibel-Kontest kurzzeitig getretene Motoren anhören.. Nichts, ansonsten ist da nichts. Als würde der mit Leberwurst frisch gestopfte Naturdarm in der Metzgertheke ausgelegt werden, fertig zum Verzehr, aber nur mit den Augen schmecken, ja? ..und dann und wann tatscht mal eine Pommes-geölte Hand über den frisch polierten Lack.. Wie eine unnötig noch weiter verzerrte Jammer-Melodie in meinem Gehörgang.
Aber bitte fühlt euch nicht von mir getreten und gepiekert. Liebt und lebt das, wenn es eurem Wohlbefinden entspricht. Bildlich und deutlich übertrieben provokant formuliert beschreibt das allerdings meine Empfindungen am allerbesten. Leben und leben lassen – also bitte bitte genießt das auch weiterhin. Die Szene lebt ja auch davon und nein, nein – es wäre jammerschade, täten all diese Treffen von der Bildfläche verschwinden. Das sind meiiiine persönlichen, richtig schön frech ausgeschmückten Gefühle. Zudem… Wie sonst könnte ich die Besonderheit des folgenden Events hervorheben..
Just another saturday..
Keine Ahnung, was da in mich gefahren ist. Wahrscheinlich hatte ich mal wieder eine von meinen Milliarden leisen Vorahnungen, die meinen Daumen geißelten auf Fratzebuch beherzt auf das zerschlissene Display meiner Handkurbel zu tippen. ‚Interessiert‘. Ist ja ums Eck. Musst ja nicht hin. Kannst ja aber. Einfach mal vormerken, falls du nichts besseres zu tun hast.
Schon beinahe in Vergessenheit geraten, zuckte diese Veranstaltung wieder auf. But why?!
Die vermeintliche Stehveranstaltung erhielt auf einmal eine vollkommen neue Bedeutung für mich, denn sie bekam einen Dirt Drag. Auf einem Acker. In Gitarrenform. Und Freunde von mir waren involviert. In meiner Welt war es von hier auf jetzt eine bindende Sache. Ohne Wenn und Aber!
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Ja und so geschah es.. Vor mir stand auf einmal dieser deutlich sichtbar übernächtigte Dude mit Cap und Rumpelstilzchen-Bart. Leidenschaftliche Augen, wenn auch müde, strahlten, als er mich begrüßte und mir seine Bewunderung über meine Fotoarbeiten kundtat. Und es war keinesfalls dieses Floskel-Floskel „Du machst tolle Fotos!“, sondern ein tief ernst gemeintes Kompliment, mit einer mitreißenden Wortwahl.
Eigentlich war er zu jeder Zeit überall gleichzeitig und lebte und liebte, was er geschaffen hatte, in diesem Moment, in diesem liebreizenden Park, mit diesem süßen kleinen Schloss.
Warum dort? Ist das nicht ein wenig kitschig und klischeebedient? Ami-Oldtimer-Treffen in einem schicken Park, an einem Schloss – man konnte sich oberflächlich betrachtet ja so ca. ausrechnen, was sich für Publikum dort tummelt oder tummeln könnte, um mal ein bisschen weiter zu sticheln..
Marcel. Ich betitele ihn jetzt mal ganz liebevoll als leidenschaftlichen Gourmetkoch, mit der Liebe zu alten amerikanischen Blech, unglaublich viel Familiensinn und zudem dem Mut, seinen eigenen Traum zu leben. Er führt das Schlossparkhotel Sallgast, neben eben genau diesem schnuckeligen Schloss und seinem einladenden Park. Klingt schon ziemlich traumhaft, oder? Es kostete aber viel und kostete bis dorthin auch nicht einfach nur eine Menge Geld, sondern so vieles mehr.
Als ich darum bat all das hier schreiben zu dürfen und mir meine Infos erhaschte, wurde mir mit jedem weiteren Kontakt mit Marcel bewusst, wie groß sein eigener Orbit doch eigentlich ist und dass ein einfaches „jaja, da gehört schon einiges mehr dazu“, gar nicht ausreicht.
80er Widder entdeckt in den 90ern seine Welt..
Der 10-jährige ‚Pauli‘ fuhr nach der Schule liebend gerne nach Fiwa, wie man in dieser Gegend zur Ortschaft Finsterwalde so sagt, und kehrte dort beim Fahrzeughandel Dobritz ein. Das klingt schon beinahe nach einen Vorspann eines Ami-Filmklassikers. Aber genau so war es auch.
Er schaute den Mitarbeitern über die Schulter und erfreute sich am Anblick der sich dort befindlichen Autowagen. Ich bin mir sicher, ihr habt auch gerade diese Szene vor euch. Am besten noch mit so krisseligen Bild und der leiernden, mit leisem Knacken untersetzt, eingespielten Musik einer alten Schallplatte. Ich bin mir nicht sicher, ob er auch mit so einem klingelnden, klappernden kleinen Fahrrad unterwegs war, aber es macht den inneren Film doch sehr perfekt.
Im Büro stand am Fenster ein schwarzer Kenworth US Show Truck, den er sehr bewundert haben muss, denn diesen hat mittlerweile sogar sein eigener Sohn geschenkt bekommen. Der Kontakt zum Fahrzeughandel Dobritz brach auch nie ab. Im Gegenteil. Marcel erwarb auch das ein oder andere Auto von ihm.
Aber seine „erste große Liebe“, die kaufte er 2006 in Florida von einer 80-jährigen Oma. Und irgendwie nahm dann alles so richtig Fahrt auf..
Ein Mann mit Geschmack und die unerträgliche Leichtigkeit des Seins..
Koste das Leben aus – diesen Spruch hat sich Marcel schon frühzeitig wortwörtlich zu Herzen genommen. Er wuchs quasi in den Generationsbetrieb seines Vaters hinein, einem Restaurant mit Hotel, und lies sich ab 2015, nach einigen Jahren als Koch in verschiedenen Wirkungsstätten, dann auch gänzlich in diesem nieder. Allerdings mit dem unschönen Hintergrund der schweren Erkrankung seines Vaters. 24/7 bekommt eine vollkommen neue Bedeutung, wenn man im eigenen Betrieb arbeitet, im Hintergrund aber mindestens genauso viel für die Familie da ist, die sich dann um 2017 durch seine wundervolle zukünftige Frau Anja erweiterte, welche 2019 voll in den Betrieb mit einstieg. Und immer der Schatten der Erkrankung seines Vaters im Hintergrund, weswegen Marcel und Anja dann 2020 ihre geplante Hochzeit verschoben. Sein Vater schlief für immer ein…..
Die Schicksalsschläge und mühseligen Wege, um das Leben genießen zu können, nahmen nicht ab, wurden nicht weniger. Man kann sagen, bis das ‚Cars & Guitars‘ überhaupt ein Fünkchen Sternenstaub hinter Marcels inneren Augen werden durfte, passierte noch viel. Es tat weh, sehr. Und das wieder und wieder. Doch wie es dann so ist, zaubern die dunklen Täler dieses Lebens auch immer besondere Begegnungen hervor und provozieren das lauter Werden eigener Träume.
Marcel lernte in den letzten Jahren treue Weggefährten kennen, neue wertvolle Freunde und ein radikales Umdenken, im weiteren Sinne.
„Es gibt nichts Schöneres, als sein Hobby zum Beruf zu machen.“, sagte ein Freund zu ihm. Ich las das Strahlen aus seinen Worten heraus, als er schrieb „..und ich kann es nur bestätigen! Es ist ein unvergessliches Wochenende für mich bzw. uns alle gewesen.“.
Eisgekühlter Bommerlunder und belegte Brote..
..waren definitiv nicht die Gründe für ausgesprochene Gedanken. Ihr könnt euch ja sicherlich denken, wenn man ein Restaurant mit Hotel und zudem ein erfülltes Familienleben führt, bleibt da nicht mehr viel Zeit für anderes. Auf jedes x-beliebige Treffen fahren ist dann nicht möglich. Aber dann und wann in die Garage setzen.. dann ein wenig Jake la Botz auf die Ohren und Goldi Cola und auf einmal: „Wenn man nicht auf die Treffen fahren kann, ja dann macht man halt sein eigenes..“ – Garagengeschichten. Es gibt unzählige, doch diese eine, die bewahrheitete sich dann im letzten Jahr, 2024, im Juni..
Marcel hat mit seinem ‚Cars & Guitars‘ wirklich Dreck gefressen. Das brauchen wir nicht beschönigen. Die Massen blieben aus und im Nachgang reichte Wegatmen bei weitem nicht aus.
Wir befanden uns zwischen Sonnenschein und immer wiederkehrenden Regengüssen. Während ich mich mit dem ein oder anderen bekannten Gesicht zusammensetzte, prasselte auf Marcel nicht nur der Wolkeninhalt der vielen Schauer ein, sondern auch die Realität – das hier würde sich niemals rechnen.
Und er hatte an wirklich alles gedacht. Trotz der traurigen Wahrheit strahlte er und genoss Tag und Abend mit den Besuchern und seiner Familie und auf mich wirkte er wie ein glücklicher Junge. Ja, wie dieser 10-jährige Pauli, der den Kenworth Truck bestaunte, als ich ihn da vor der Bühne stehen sah. Seine geliebte Anja im Arm und wogen sich zu der Musik der Band. Und wisst ihr.. man kann Wärme in den Augen eines Menschen mit zahlreichen Worten beschreiben und somit irgendwie wiedergeben, aber wenn man sie selber sieht, und das trotz all dieser Widrigkeiten, dann begreift man, was für einem wertvollen Menschen man hier begegnet ist.
Touch by touch, step by step
Wir blieben natürlich und sind noch immer in Kontakt. Und ihr glaubt gar nicht bzw. könnt gar nicht vorstellen, wie oft während der Entstehung und Bearbeitung dieses einzigen Textes sich bereits alles stetig so heftig veränderte, dass man hätte meinen müssen dieses gesamte Werk neu erfinden zu wollen.
Auf seiner Seite schlich die permanente Veränderung, genauso wie ich immer wieder in Begriff war das Rad neu erfinden zu müssen. Euphorie und Stillstand wechselten auf beiden Seiten wieder und wieder ihren Platz ab, als wäre meines mit Marcels absolut eng gekoppelt.
Er gibt nicht auf und er erlebt noch immer diese dunklen Tiefs des Lebens, die so sehr auslaugen, dass kaum noch Kraftreserven da sind, um wirken zu können.
Doch lieber Marcel, genau das ist Dein Wirken, welches in mir das Bedürfnis weckte, Dich dieser Welt da draußen zu zeigen. Immer wieder hart an der Grenze und dennoch senkst Du den Kopf nicht, wo andere ihren unlängst in den Sand gesteckt hätten. Du machst weiter. Immer weiter. In Deinem Tempo, immer mit diesem Traum im Hinterkopf. Für mich hast Du diesen Schimmer in den Augen, der einen liebenden Menschen ausmacht, der seine Träume in die Tat umsetzt und es stets ernst meint und nicht nur taumelnd durch das Leben läuft. Danke!
Und ihr da draußen? Du? Genau Du! Schau Dir an, was uns das letzte Jahr gezaubert wurde – der Beginn, die Geburt einer unglaublich tollen Veranstaltung, die in diesem Jahr unter neuem Namen, mit so viel Inhalt (vor allen Dingen Herz, Echtheit, Mut) begeistern wird.
Genieß die folgende Galerie, komm im Juni, nach Sallgast und sei da – ganz da. 🙂



























































































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